Meschede. Beim ausgebuchten Unternehmensfrühstück der Interessengemeinschaft Mescheder Wirtschaft (IMW) stand Ende April ein Thema im Mittelpunkt, das lange als fern galt und nun wieder an Aktualität gewonnen hat: Sicherheit und Verteidigung in Europa. Als Referent sprach Prof. Dr. Patrick Sensburg, Sicherheitsexperte und früherer Bundestagsabgeordneter des Hochsauerlandkreises, über die sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.
Frieden ist keine Selbstverständlichkeit
Sensburg betonte die grundlegende Veränderung der Sicherheitslage: „Frieden ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Krieg ist nicht der Krieg der anderen, sondern betrifft auch uns.“ Die lange verbreitete Annahme, klassische Landes- und Bündnisverteidigung verliere an Bedeutung, habe sich mit dem Ukrainekrieg als Irrtum erwiesen. Während frühere Konflikte als fern galten, sei heute klar: „Krieg meint wieder Krieg – auch bei uns.“ Auch klassische militärische Mittel wie Artillerie, Luftabwehr und Panzer seien wieder Teil der Realität.
Moderne Kriegsführung und neue Anforderungen
Zentrale Elemente in aktuellen Zeiten sei die Verbindung aus klassischen und neuen Technologien, so Sensburg: „Der moderne Krieg ist ein Luftabwehrkrieg.“ Schützengräben und Drohneneinsätze gingen Hand in Hand, die Belastung für Soldaten sei hoch. Entscheidend sei zudem die Masse: „Mass matters – die Masse ist ein entscheidender Faktor in einem Territorialkrieg.“ Das betreffe auch Wirtschaft und Industrie. Innovationszyklen würden immer kürzer: „Wir sehen eine enorme Innovationskraft und eine ausgeprägte Fehlerkultur – Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Dies lasse sich auch auf Unternehmen übertragen.“
Gesamtverteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Sensburg betonte die Rolle der zivilen Verteidigung: Gesamtverteidigung gehe über das Militär hinaus. „Das Militär schützt nicht das Wasserwerk oder das Rathaus – hier sind zivile Strukturen gefragt.“ Resilienz und Abschreckung seien eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Auch Infrastruktur und Wirtschaft spielten eine zentrale Rolle – etwa bei doppelt nutzbaren Investitionen und der Entwicklung moderner Technologien. Hier sieht Sensburg Potenzial, besonders bei kostengünstigen Systemen.
Austausch mit der Wirtschaft und lokale Perspektiven
IMW-Vorsitzender Frank Hohmann unterstrich die Relevanz für Unternehmen: „Es ist nicht angenehm, über Krieg zu sprechen – aber es ist notwendig. Gerade Unternehmen müssen sich mit den veränderten Rahmenbedingungen und sich ergebenden Chancen auseinandersetzen.“ Sensburg machte deutlich, dass Deutschland im Ernstfall betroffen wäre: „Wenn es beispielsweise im Baltikum zu einem Konflikt kommt, werden auch hierzulande Ziele identifiziert – insbesondere dort, wo kriegsrelevante Güter produziert werden.“ Bürgermeister Christoph Weber ergänzte dies mit Einblicken in die zivile Verteidigung und die Bedeutung lokaler Vorsorgestrukturen.
