Die Hünenburg
Lage und Beschreibung
Etwa 1500 m östlich der Stadt Meschede liegt an der nördlichen Ruhrseite auf einer kleinen, das Tal überschauenden Bergkuppe (70 m über dem Flusstal) die Hünenburg. In den Mescheder Urkunden wird sie nicht erwähnt. Die Schätzungen bezüglich ihres Ursprungs schwanken zwischen deutscher Urzeit und den Zeiten Karls des Großen.
Das um Meschede breite Ruhrtal ist gekennzeichnet durch tief in den Hang einschneidende Zuflüsse kleinerer Bäche (Siepen). Östlich eines solchen Einschnittes liegt auf einer deutlichen Verflachung im Hang die Hünenburg, bei deren Anlage die natürlichen Geländevorteile geschickt genutzt wurden: Die Hünenburg besteht aus einer inneren Burg und einer an der Nord-, Ost- und Südseite um sie herumgeführte "Vorburg".
Die Größe / Länge der inneren Burg beträgt von Nord nach Süd von Wallmauer zu Wallmauer ca. 120 m, Innenburg und ?Vorburg? zusammen ca. 240 m. Die Breite in West - Ost - Richtung beträgt bei der inneren Burg ca. 65 m und bei beiden Abteilungen zusammen 115 m. Bei der genaueren Durchforschung gewann man bald die Überzeugung, dass an ihr mehrfache Veränderungen - sowohl durch Einbauten als auch durch die Umänderung oder Beseitigung einzelner Teile der ursprünglichen Anlage - , und zwar zu verschiedenen Zeiten vorgenommen wurden.
Die beiden konzentrisch verlaufenden Erdwälle, auf der Außenseite von einem Graben begleitet, umfassen halbkreisförmig diesen flacheren Teil des Hanges und lehnen sich gegen Westen an den tief einschneidenden Hünenburgsiepen an, der an dieser Seite natürlichen Schutz bot. Der äußere Bering - fälschlicherweise auch Vorburg genannt, ist 2,8 ha, der innere - Hauptburg - 0,8 ha groß.
Dem Besucher bietet sich heute ein Bild, das wenig an den ursprünglichen Zustand der Burg erinnert. Die ehedem vor den Erdwällen vorhandenen Steinmauern sind überwiegend herausgerissen worden, denn sie bildeten ein beliebtes Baumaterial für die ganze Umgebung. Der hinter der Mauer angeschüttete Wehrgang, der sich heute als unterschiedlich starker Erdwall darstellt, ist im Laufe der Jahrhunderte über die Reste der Mauer hinweg in den Graben abgerutscht und hat hier zu einer erheblichen Verfüllung geführt.
Ähnliches ist bei fast allen westfälische Wallburgen zu beobachten, doch kommt im Falle der Hünenburg erschwerend hinzu, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Innern offensichtlich eine Gartenwirtschaft / Sommerrestaurant bestanden hat. Bekannt sind eine überdachte Halle im östlichen Teil, eine Kegelbahn, ein Schießstand in der Nordwest-Ecke, eine Getränkekeller und ein Obstgarten; alles Anlagen, für die eine erhebliche Planierung im Gelände vorgenommen werden musste. Reste dieser Bebauung finden sich noch in den ausgegrabenen Funden, wie sie 1920 veröffentlicht worden sind. Über die späteren Schicksale der Burg gibt nur eine Befragung (Anfang des 20. Jahrhunderts) älterer Einwohner Meschedes noch Auskunft: Das Gelände der Burg befand sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in mehr oder weniger großen Abschnitten im Besitz verschiedener Privatpersonen.
Auffällig ist vor allem, dass sowohl in der ?Vorburg? als auch in der inneren Burg weder eine Quelle noch irgendeine Anlage zur Sammlung und Entnahme von Regenwasser, noch sonst eine Anlage zur Versorgung der Bewohner der Burg mit Wasser gefunden wurde. Diese waren also gezwungen, den Bedarf an Wasser für sich und ihr Vieh von außen her zu decken. Es scheint so, dass die Erbauer der Burg der Wasserversorgung keinen besonderen Wert beilegten. Das lässt nur den Schluss zu, dass die Burg zunächst nicht zum dauernden Aufenthalt von Menschen und Vieh bestimmt gewesen ist, sondern nur zum vorübergehenden Aufenthalt: Als Schutzort gegen feindliche Einfälle, also als Fliehburg. Bei dem Zusammenlegungsverfahren im Gebiet der Stadtgemeinde Meschede Anfang des 20. Jahrhunderts ist dann das ganze Gelände der Burg in den Besitz der Stadt Meschede übergegangen und mit Baumanpflanzungen versehen worden. Im Anschluss hieran ist der von der Stadt zur Burg führende schmale und stellenweise sehr steile Feldweg unter Veränderung seiner Linienführung, Breite und Steigung, ausgebaut worden, wobei ein Teil des Außengrabens der Vorburg, insbesondere an der Südoststrecke, mit zur Straßenanlage benutzt und zugeschüttet worden ist.
Die Ausgrabungen
Die Ausgrabungen In den Jahren zwischen 1909 und 1914 wurden von der Altertumskommission für Westfalen unter Leitung des Oberlehrers Hartmann und des Geheimen Baurats Biermann mehrere kleine Ausgrabungen durchgeführt, um Aufschluss über das Alter der Burg zu bekommen. Lehrer Hartmann hat an mehreren Stellen der Umwallung und an einigen Eingängen Grabungen vorgenommen. Diese kamen jedoch an keiner Stelle so weit zum Abschluss, dass aus ihnen ein genaues Bild der ursprünglichen Anlage, der Eingänge, der Umwallung des Grabenprofils usw gewonnen werden konnte.
Die 1920 im ?Atlas vor- und frühgeschichtlicher Befestigungen? vorgelegten Ergebnisse beruhen zwar in vielen Einzelpunkten auf einer falschen Interpretation der Befunde durch die Ausgräber, bilden aber immer noch die wesentliche Quelle bei dem Versuch einer heutigen Beurteilung. Man darf hier nicht verkennen, dass die archäologische Methode des Ausgrabens noch in den Kinderschuhen steckte, zumal im konkreten Fall die zahlreichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts eine wesentliche Erschwerung der Grabungsarbeiten darstellten.
All diese Arbeiten ermöglichten es aber nicht, ein genau zutreffendes Bild sowohl von der allgemeinen Anlage der Burg als auch von der charakteristischen Gestaltung der einzelnen Konstruktionsteile in ihrer ursprünglichen Gestalt zu gewinnen. Hierzu waren neue umfangreiche Grabungen und Vermessungen erforderlich. Es gelang dem SGV, die hierfür erforderlichen Mittel zusammenzubringen und den Geheimen Baurat Biermann aus Paderborn für die Leitung zu gewinnen. Diese Grabungen haben dann in den Jahren 1911, 1912, 1913 und 1914 stattgefunden. Wegen der großen Ausdehnung der Burg beschränkten sich die Ausgrabungen darauf, zunächst die genaue Gestaltung und die Konstruktion ihrer Hauptteile, der Umwallung, der Eingänge und der etwaigen Innenbauten, durch Grabungen an besonders hierfür geeignet erscheinenden Stellen festzustellen.
Die Befestigung der Hünenburg
Die Befestigung der Hünenburg Aus Beschreibungen des 19ten Jahrhunderts war bereits bekannt, dass sich auf der Außenseite des Erdwalles eine Steinmauer befunden hat. Von ihr konnte man an verschiedenen Stellen die unteren Steinlagen noch genau erkennen. In mehreren durch Wall und Graben geführten Suchschnitten ließ sich der Aufbau ermitteln.
Im Norden der Vorburg betrug die Breite der Mauer auf der alten Oberfläche 5,5 m, verjüngte sich aber nach oben in mehreren deutlichen Stufen auf 3,9 m.
Die in Lehm verlegten Steine der Trockenmauer bildeten außen und innen eine saubere Schale, während der Zwischenraum aus einer Stein-Lehm-Schüttung bestand. Merkwürdig muten mehrere im Innern befindliche senkrecht stehende Mauerzungen an, bei denen die Ausgräber statische Gründe für die Gesamtbreite der Mauer vermutet haben, die aber aufgrund vergleichender Überlegungen eher Hinweise auf verschieden alte Steinmauern zu geben scheinen.
Bei zwei weiteren Schnitten durch den Wall der sog. Vorburg zeigt sich ein ganz anderer Aufbau der Mauer. Zwischen den Toren II und III (zur Lage vergleiche Abb. 1) war die Mauer unten 8 m, oben 6 m breit, wiederum mit mehreren "Mauerzungen" im Innern (Abb. 3). in den oberen Lagen der erhaltenen Mauer fanden sich schwache Mörtelspuren, während der untere Teil aus einer in Zwei-Schalen-Bauweise errichteten Trockenmauer bestand. Auch der dritte Schnitt durch den Vorwall, ganz im Süden gelegen, unterschied sich von den zwei vorgenannten: Hier handelte es sich um eine in Mörtelmauerwerk ausgeführte Vollmauer von 5,75 m unterer und 4,0 m oberer Breite .
Bei der Mauer der sog. Hauptburg konnte an allen Stellen Mörtel nachgewiesen werden. Sie war ohne Bankette direkt auf den Boden aufgesetzt und 2 m breit. Im Gegensatz zu den Befunden am Vorwall wurde im Kern an keiner Stelle eine Wallhinterschüttung angetroffen. Es wurde bei den Profilen hier sehr deutlich, dass sich zum Burginnern hin ausplanierte Schutt- und Lehmschichten anschlossen. Man geht daher wohl nicht fehl in der Annahme, dass der ursprünglich auch hier vorhandene Erdwall zu einem jüngeren Zeitpunkt abgegraben und ausplaniert worden ist, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Bebauung im 19. Jahrhundert.
Oberflächlich waren an der Westseite der Hünenburg über dem steilen Abfall zum Hünenburgsiepen keine künstlichen Befestigungen zu erkennen gewesen, wenn man einmal von einigen im Hang liegenden, nicht näher definierbaren "Terrassen" absieht. Bei den Ausgrabungen zeigte sich allerdings, dass auch hier eine Mörtelmauer von 3 m Breite vorhanden gewesen ist, und zwar sowohl im eigentlichen Kern der Burg, als auch in dem kurzen Stück zwischen Tor I und Tor IV (Westseite der sog. Vorburg; zur Lage siehe Abb. 1).
Wie oben ausgeführt, sind große Teile der Wallhinterschüttung nach dem Zerfallen oder dem Entfernen der Mauer über die Reste in den Graben abgerutscht. Es erstaunt daher nicht weiter, dass dieser ursprünglich tiefer gewesen ist, als er sich heute darstellt. In den Untersuchungsschnitten variierte seine Breite zwischen 7,5 und 12 m bei einer Tiefe zwischen 3 und 5 m. Die Grabenform kann nicht als einheitlich bezeichnet werden; der anstehende, schräg einfallende, Faulschiefer dürfte einer eventuell angestrebten Spitz- oder Sohlgrabenform hinderlich gewesen sein.
Die Tore
Die Hünenburg zeichnet sich durch ihre vielen Toranlagen aus, die in dieser Zahl nur selten in westfälischen frühen Burgen auftreten. In der Vorburg befinden sich drei, und zwar zwei im Osten und eines in der Nordwestecke, während nur ein Zugang in den Innenraum deutlich auszumachen war .
In allen Fällen handelte es sich um eine für Westfalen sehr charakteristische Torform, das sog. Zangen- oder Kammertor: Beide Wallenden biegen beiderseits des Torweges zum Burginnern hin ein. Auf eine unterschiedlich lange Strecke parallel nebeneinander verlaufend, bildet der Zwischenraum eine Torgasse, deren Ende leicht durch einen Torturm geschlossen werden konnte.
Die vier Tore der Hünenburg unterscheiden sich zwar in einigen Details, bilden aber eine ziemlich geschlossene Gruppe innerhalb der Kammertore Westfalens.
Bereits bei der Ausgrabung wurde klar, dass bei den beiden Toren im Norden der Hünenburg Umbauten stattgefunden haben mussten, so dass die wahrscheinliche Ursprungsform nicht mehr auszumachen war. Deutlicher kamen die Befunde bei den Toren im Osten des Außenringes. Am Ende der länglichen Torgasse liegen die Tortürme, bei denen zwischen schmalerem inneren und einem breiteren äußeren Bereich unterschieden werden kann. An der Nahtstelle zwischen beiden befindet sich ein senkrechter Pfostenschlitz in der Torwange, in dem ursprünglich ein Pfosten gestanden haben dürfte, wohl Teil des eigentlichen Torverschlusses.
Trotz dieses sehr deutlichen Befundes ist es unklar geblieben, ob die beiden Tore zum primären Bau des Außenringes gehörten, oder ob es sich auch hier um einen nachträglichen Ein- oder Neubau gehandelt hat. Bereits der Oberlehrer Hartmann gibt eine Beschreibung, aus der man eigentlich nur den Schluss ziehen kann, dass es sich bei den Toren um jüngere Einbauten gehandelt haben muss.
Auch an anderen Stellen der Hünenburg befanden sich Unterbrechungen nicht näher bestimmbarer Art. In erster Linie ist hier die Südweststrecke zu nennen. Hier haben die Ausgräber zwei weitere, hintereinander liegende, Tore vermutet; doch dieser Annahme ist widersprochen worden, denn vor beiden Stellen hat es keine Unterbrechung des Grabens gegeben, wie sie in Form von Erdbrücken aus anstehendem Boden bei den anderen Toren vorhanden gewesen sind, und das Gelände steigt hier so steil an, dass es sich um eine denkbar schlechte Position für ein Tor handeln würde. Auch die drei weiteren möglichen Stellen fallen mit dieser Überlegung aus; denn bei zweien von ihnen konnten bereits die Ausgräber nachweisen, dass es sich um nachträgliche Durchbrüche gehandelt hat.
Schwieriger war die Beurteilung des schmalen Durchschlupfes im Osten der Kernburg, der im Zusammenhang mit dem an die Ringmauer angelehnten Gebäude stehen muss. Auch hier hat man allerdings vor dem Durchgang den Graben durchgeführt, so dass an dieser Stelle ebenfalls - zumal bei dem ungeklärten Charakter des Gebäudes IX - die nachträgliche Entstehung nicht ausgeschlossen scheint.
