Galiläa um 1700
Der Raum nordwestlich von Meschede, der heute als "Galiläa" bekannt ist, beherbergte bis ins 15. Jahrhundert die kleine Dorfschaft Hückelheim. (Der Name "Galiläa", bekannt aus der Bibel, kommt ursprünglich aus dem Aramäischen und bedeutet "Land der Heiden".)
Um die Zeit gehörte der Besitz den Eheleuten Henneke von Beringhausen und Margareta Hückelheim. Da deren Ehe kinderlos blieb, beschlossen sie, ihren Allodiatbesitz (vererbbares Eigentum) Hückelheim mit allem Zubehör den auf dem Keppelberg [Klausenberg] bei Meschede wohnenden Nonnen des Dominikanerordens am 18. 2. 1483 zu ewigem Besitz zu schenken.
Henneke von Beringhausen starb in demselben Jahr, worauf seine Witwe die Schenkung nicht nur bestätigte, sondern den Nonnen ihr ganzes bewegliches und unbewegliches Vermögen schenkte und sich unter die Klosterfrauen aufnehmen ließ.
1484 erwirkten die Nonnen die Erlaubnis, auf dem Stammsitz Hückelheim ein Kloster zu bauen, das sie "Galiläa" nannten. Die Schwestern mühten sich vor allem um die Erziehung der weiblichen Jugend. Unter den Schülerinnen befand sich u.a. die Tochter des Landdrosten Caspar von Fürstenberg aus Bilstein. In einem Tagebuch des Landdrosten findet man folgende Aufzeichnung: "Von Meschede spaciere ich auf Galiläen zu meinem Töchterchen, das dort erzogen wird, drinke eine Kanne Wein oder etzliche mit dem Pater und der Domina daselbst und seien mit dem Pater und den Jünferkes guter Dinge."
Später gab es in Galiläa sogar eine Art Mädchenpensionat. Kostjungfern nannte man das damals. Dieses alte Kloster Galiläa wurde dann, als es zu klein geworden war, um 1750 abgerissen und das neue vierflügelige Haus aufgebaut.
Der Konvent wurde aber bereits 1810 durch die Säkularisation aufgelöst. Um 1860 wurden die Kirche und drei Klosterflügel abgerissen. Das war das Ende des ehemaligen Dominikanerinnenstiftes, das seine Wurzeln in der alten Einsiedelei auf dem Klausenberg hatte.
Als 1803 das kurkölnische Herzogtum Westfalen an Hessen-Darmstadt fiel, verfügte der Landgraf die Aufhebung sämtlicher Klöster. Im Herbst 1805 waren von 16 schon 15 aufgelöst. Nur Kloster Galiläa, einsam hinter Meschede-Enste gelegen, bestand noch. Erst fünf Jahre später gelang es der Regierung, den Auszug der Nonnen durchzusetzen. Antonia Pranghe, die letzte Priorin des Klosters, gebürtig aus Brilon, sorgte mit ihrem beherzten Widerstand für Irritation in den Behörden.
Die Hofkammer Arnsberg, Vorläuferin der jetzigen Bezirksregierung, erhielt im Oktober 1810 aus Darmstadt die Order zur Auflösung. Sie übertrug dem Amt Meschede die Aufsicht. Weil die Nonnen sich mehrfach weigerten, den Hinauswurf zu akzeptieren, wurde Amtmann Bender aus Arnsberg aufgefordert, die ihm zu Gebote stehenden zweckmäßigen Zwangsmittel einzusetzen. Doch die Priorin erklärte zu Protokoll, "Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen".
Die Dominikanerinnen sollten mit einer Pension abgefunden werden. Weil die Priorin noch rasch zwei junge Pferde und 14 Schweine an einen Verwandten in Brilon verkauft hatte, sollte ihr die Summe von der Pension abgezogen werden...
Während Mitarbeiter der Amtsverwaltung bereits Verzeichnisse der Klosterbesitzungen anlegten, die Ernteerträge notierten, die Fruchtkammern versiegelten, den sieben Knechten und Hirten die Kündigungen aussprachen, leisteten die Nonnen noch passiven Widerstand. Der Druck aus Darmstadt via Arnsberg wuchs. Eine Episode vom 29. November verdeutlicht die Zuspitzung: Die Priorin weigerte sich, die Auflistung des Mobiliars, das man ihr belassen wollte, zu unterschreiben. Der Hofkammerrat drohte ihr, dann eben alles zu beschlagnahmen. Doch die Priorin streckte sich der Länge nach auf ihr Bett mit der Äußerung, dass sie zwar der Gewalt weichen müsse, übrigens aber nicht sehen wolle, wer ihr das Ihrige nehme.
Als Hofkammerrat Weber nachmittags dem Konvent die Räumung nahelegte, antwortete die Priorin, dass sie und ihre Mitschwestern altersschwache Personen seien. Ein Umzug sei ihnen nicht mehr zumutbar. Man möge ihnen Wohnrecht lassen, sowie etwas Land und Vieh. Doch die Verwaltung blieb stur. Sie setzte eine Frist bis zum 10.12. Auch eine Bittschrift der Schwestern, doch zumindest bis Winterende bleiben zu dürfen, blieb unerhört.
Am 11.12. standen schon die Fuhrleute zum Abtransport bereit. Die Nonnen hatten gerade einen Vorschuss auf ihre Pension erhalten, da rief die Priorin aus: "Fahrt nur wieder nach Hause, wir gehen nicht!" und zu ihren Mitschwestern "Kinder, wir bleiben!"
Der hilflose Amtmann erbat aus Arnsberg weitere Verhaltensregeln. Die Antwort: "Bei der beharrlichen Widersetzlichkeit der Nonnen wird zuletzt nichts übrig sein, als Gewalt zu gebrauchen." Den Nonnen sollte Licht und Holz zum Heizen weggenommen werden, das Gesinde durfte ihnen nicht mehr helfen.
Rentamtmann Joppen wollte sie nun aushungern lassen. Er verbot den Dominikanerinnen jeglichen Zugang zur Küche. Einigen von ihnen aber gelang es, heimlich Essen zu besorgen und zu kochen. Bis der Amtmann die verschlossene Tür aufsprengte und das Herdfeuer löschte. Damit war der Widerstand gebrochen. Am 14.12. begann ihre Abreise. Priorin Pranghe starb zwei Monate später im nahen Enste.
Der Klosterbesitz ging bald nach der Schließung in den Besitz des Kaufmanns und Gutsbesitzers Runge aus Bremen über.
Als Mitglied der evangelischen Gemeinde stellte der die Klosterkirche für die Feier evangelischer Gottesdienste zur Verfügung. Wahrscheinlich muss aber zu diesem Zeitpunkt die Klosterkirche sehr renovierungsbedürftig gewesen sein. Auf Gesuch des Landrates Pilgrim an den preußischen König bewilligte dieser die zur Instandsetzung der Klosterkirche erforderliche Summe von 300 Talern. Unter den Handwerkern, die nun die Kirche renovierten, befand sich der Schreinermeister Lorentz Teutenberg und der Schreiner Fuchte, der Maurermeister Mathias Liesen, der Schmiedemeister Bracht, der Schieferdeckermeister Pöttgen, der Schmied Ant. Schaefer. Das Tuch für die neuen Altarbehänge lieferte der Kaufmann Neuhof.
Im Jahre 1826 wird Galiläa auch die Heimat der ersten evangelischen Schule in Meschede. Erst im Jahre 1853 wird die Schule zum Pfarrhaus in die Schützenstraße verlegt.
Die Entfernung von der Stadt bis nach Galiläa muss wohl auch damals schon als sehr weit empfunden worden sein; die kalte Klosterkapelle tat ein übriges; ein Fußboden fehlte. Dringlich wurde der Wunsch nach einer neuen Kirche, weil der Gutsbesitzer Runge das Gut Galiläa nicht mehr halten konnte und es an den Grafen von Westphalen verkaufte.
1839 wurde in Meschede die Evanglische Kirche gebaut.
Heute nutzt der Graf von Westphalen den verbliebenen Flügel des Klosters als Wohnhaus für seine Arbeiter und Angestellten.
Inschrift über dem Hauseingang:
Numinis in dextra, pax fulgeat intus et extra. Tu benevactor ave, tu sine fine fave.
[In der Hut Gottes sei Friede innen und außen. Wohltäter sei gegrüßt, bleibe uns immer gewogen.]
Der klösterliche Grundbesitz ist heute Industriegebiet.
Aber: In der alten Kapelle am Südfriedhof von Meschede läutet heute noch manchmal die Glocke des ehemaligen Klosters Galiläa.
