Die beiden historischen Mescheder Kirchen
Beatae Mariae virginis in coelum assumptae et S. Johanni Evangelistae
Die Rede ist von der historischen Mescheder Pfarrkirche, die der Himmelfahrt Mariä und dem Evangelisten Johannes geweiht war. Ihre Geschichte ist nur wenigen Eingeweihten bekannt.
Das sagenumwobene Gotteshaus darf nicht mit der altehrwürdigen Pfarrkirche St. Walburga verwechselt werden; denn die ehemalige Stiftskirche am Kaiser-Otto-Platz wurde erst 1787 Mescheder Pfarrkirche.
Knapp 100 m nördlich der Stiftskirche, der heutigen Pfarrkirche St. Walburga, gab es bis 1787 nämlich noch eine weitere Kirche in Meschede, die Kirchspielskirche (alte Bezeichnung für politische Gemeinde) für das kirchenlose Umland von Meschede:
Kurz die Pfarrkirche "Zur Himmelfahrt Mariens" genannt.
Das heute in Vergessenheit geratene Gotteshaus erhob sich im Rebell hinter der früheren Post (heute Stiftshof) und der Metzgerei Schultenkämper (Ruhrstraße).
In Meschede gab es mit dem Stifts- und dem Kirchspielspfarrer zwei Seelsorger.
Zur Stiftspfarrei gehörte nur die Freiheit Meschede im Bereich der Stiftsimmunität.
Zur Kirchspielspfarrei gehörten die Gemeindemitglieder aus Meschede außerhalb der Stiftsimmunität, aus Schederberge, Galiläa, Laer, Enste, Ensthof, Immenhausen, Heggen, Löttmaringhausen, Hellern und Berghausen.
Wie der Heimatforscher Hugo Fechtel herausfand, gehörte bis zum 13. Jahrhundert auch das Gebiet von Eversberg zum Kirchspiel Meschede.
Die Verpflichtung der Mescheder Pfarrei den sogenannten Messhafer zu liefern, wurde sogar erst 1870 hinfällig. Der Priester der Kirchspielsgemeinde musste bei Hausbesuchen weite Wege zurücklegen, während sein Amtsbruder von der Stiftskirche seine Gläubigen eng beisammen hatte. Denn die Pfarrei der Freiheit Meschede, die dem Stift inkorporiert war, benutzte die Stiftskirche als Pfarrkirche. Schriftliche Quellen über die Entstehung des Gotteshauses sind nicht bekannt. Vermutlich wurde die Pfarrkirche des Kirchspiels um die erste Jahrtausendwende errichtet. Denn der Pfarrer der Kirchspielskirche "Beatae Mariae virginis in coelum assumptae et S. Johanni Evangelistae" Barthold Mittorpf, Scholaster der Stiftsschule (1660 - 1690), versicherte, dass diese alte Kirchspielskirche "Antiquissima inter alias a Carlo Magno eiusque nepte gloriosae memoriae in partibus Westphaliae constructas ecclesias" gewesen sei [die älteste unter anderen von Karl d. Gr. und seiner Nichte glorreichen Angedenkens in Teilen Westfalens errichteten Kirchen].
Wenn auch über das Alter der Kirchspielskirche keine Dokumente vorliegen, so sprechen doch einige Dinge für die Richtigkeit dieser Annahme.
Das kirchenrechtliche Verhältnis zwischen der Stiftskirche St. Walburga und der Marienkirche war nach heutiger Vorstellung recht eigenartig. Wohl gab es in Meschede zwei Pfarrer, aber sie hatten unterschiedliche Rechte. Als Vikar eines Kreuz- und eines Dreikönigs-Altars hatte der Stiftspfarrer aber nur beschränkte Pfarrechte.
So lag schon der Markt (Kaiser-Otto-Platz) nicht mehr innerhalb der Stiftsimmunität, aber nur der Pastor forensis (forum =Markt) besaß das Recht zu taufen. In der Stiftskirche gab es deshalb auch keinen Taufstein. Der Kirchspiels-Pfarrer führte das Taufbuch für beide Pfarreien und nahm die Eheschließungen vor. Das Recht zu beerdigen hatten allerdings beide Pfarrer. Die Kirchhöfe lagen zwar nebeneinander, doch waren sie als Friedhöfe für die Bestattung getrennt.
Von alters her wohnte der Kirchspiels-Pfarrer auf dem Pfarrhof, der Wieme, wo die Abgaben abzuliefern waren. Das Besetzungsrecht für die Pfarrstelle lag allerdings bei der Mescheder Äbtissin, später beim Propst.
1683 musste die Kirchspielskirche im Rebell wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. Verkleinert wurde sie als Rundbau wieder aufgebaut. Die Abbrucharbeiten begannen am 17. März 1683. Der Pfarrgottesdienst wurde zwischenzeitlich nach St. Walburga verlegt.
Eine Bürgermeister-Abrechnung vom 9. November 1683 enthält die Notiz: 36 Schilling ausgelegt "bey Legging ersten Steins ahn der Kirspelskirchen". Das erste Messopfer in der nagelneuen Kirche wurde vermutlich am 15. August 1688 gefeiert. Zwei Tage später wurde das erste Kind getauft: Ein Sohn des Caspar Künne, genannt Frewels, aus dem schwarzen Viertel (Überhenne 6).
Der Kölner Weihbischof La Marchelle konsekrierte im Jahre 1700 die Kirchspielskirche. Der 1771 verstorbene Chronist Kanonikus Bockskopf hinterließ folgende handschriftliche Aufzeichnung: "Die Pfarrkirche ist unter dem Pastor Mittorpf erbaut worden. Die vorherige alte soll aber viel größer gewesen sein und auch viel tiefer in der Erde gelegen haben, wie ich solches von alten Leuten vernommen habe."
Nach Kataster-Aufzeichnungen maß die neue Kirche eine Länge von 24 m. Die Breite belief sich auf 8 m.
Aber nur noch etwa 100 Jahre diente die neue Kirche als Gotteshaus.
Nach langen Verhandlungen verordnete der Kurfürst von Köln, Maximilian Franz (1756 - 1801), Erzbischof von Köln, damals kirchlicher und weltlicher Herr im Herzogtum Westfalen, am 3. Dezember 1788 die Auflösung der alten Kirchspiels-Pfarrei und die Vereinigung der beiden Pfarreien. Neue Pfarrkirche für Freiheit und Kirchspiel Meschede wurde nun die größere Stiftskirche St. Walburga. Aus verschiedenen Gründen dauerte es aber noch bis 1791, bis die Anordnung in die Tat umgesetzt war.
Außerdem wurde im Protokoll u.a. vereinbart:
Die alte Pfarrkirche soll nach erfolgter, im Rituale vorgeschriebener, Profanation abgebrochen werden, wobei die Materialien, der Platz und die übrigen Glocken zu verkaufen sind. Der Erlös sollte teilweise zur Einrichtung eines neuen Kirchhofes außerhalb des Ortes verwendet werden.
Das profanierte Gotteshaus im Rebell wurde kurzerhand in eine Schule umfunktioniert. Im Laufe der Jahre platzte sie wegen rasant gestiegener Schülerzahlen aus allen Nähten. Im August 1838 wurde die ehemalige Kirche wegen Baufälligkeit abgerissen und der Turm für 310 Reichstaler zum Abbruch verkauft. An gleicher Stelle - um ein paar Meter nach Süden verschoben - wuchs ein neuer Schulbau mit sechs Klassenzimmern aus der Erde. In seinem Grundriss hätte sich die alte Lehranstalt zweimal verstecken können. Die Mescheder Jungen und Mädchen büffelten bis 1891 im neuen Gebäude. Dann ging der Umzug in die neu erbaute Emhildisschule hinter der Stennepote (Steinepforte, Steinstraße) über die Bühne.
Die Schule im Rebell pachtete 1895 die Zigarrenfabrik Gebrüder Schulte. Bis zu ihrer Zerstörung durch alliierte Bomber im Jahr 1945 (19. Februar) wurden dort "dicke Havannas" gedreht.
1955 wurden die Fundamente der alten Kirche bei Bauarbeiten nochmals sichtbar, dann aber mit Dynamit endgültig in die Luft gejagt.
Das zur historischen Kirchspielskirche gehörige Pfarrhaus war die Wieme unterm Hagen. Nach 1787 ging das Pastorat mit dem übrigen Besitz des Kirchspiels in das Eigentum des Kanonikerstifts über. Schon der vorletzte Pfarrer des Kirchspiels, Schulte, hatte die Wieme um 1780 an Peter Pöttgen vermietet und wohnte im damaligen westphalenschen Haus an der Ruhrbrücke. Nach Auflösung des Stifts (1805) kaufte Adolph Meschede das ehemalige Pastorat und Pfarrgut. 1903 fiel das Fachwerkgebäude einem Brand zum Opfer. Die Familie Meschede zog auf dem Grundstück ein neues Gebäude hoch. Nebenan streckte sich die Schinkenräucherei in die Höhe. Der gesamte Komplex musste im Sommer 1980 dem Parkhaus und der neuen Arnsberger Straße weichen.
Lesen Sie zur Geschichte der beiden Kirchen auch eine historische Abhandlung des Mescheder Kaplans Brügge aus dem Jahre 1868 - den Artikel finden Sie unterhalb im Downloadbereich dieser Seite als PDF-Datei.
Heute erinnert im Rebell nichts mehr an die historische Pfarrkirche St. Marien. Doch die Tradition dieses Gotteshauses lebt - für alle Bürger der Stadt weithin sichtbar - durch die "neue" Pfarrkirche im Mescheder Norden fort.
"Mariä Himmelfahrt" trat das Erbe ihrer verstorbenen Schwester an.
