Der elektrische Strom


Schuhleistenfabrik Lex

Der Weg zum Valmekraftwerk

Die Ansiedlung von Gewerbebetrieben, die die Wasserkraft der Flüsse des Sauerlandes für ihre Arbeit nutzten, war schon vor 1800 von den Landesherren des Herzogtums Westfalen gefördert worden.

Am 1. April 1811 verkündete Preußen die Gewerbefreiheit und überließ damit das Wirtschaftsleben dem freien Spiel der Kräfte. Nach der Zuordnung des Herzogtums Westfalen vom hessen-darmstädtischen zum preußischen Machtbereich (1816) erlangte sie auch für die Gestaltung des Wirtschaftslebens im kurkölnischen Sauerland Geltung. In den Folgejahren vollzog sich der Wandel von der handwerklichen zur industriellen Güterproduktion, die im allgemeinen mit "industrieller Revolution" bezeichnet wird.

Grundstein dieser Entwicklung war die Erfindung der Dampfmaschine.

1873 läutete ein großer Börsenkrach eine Rezessionsphase ein, die bis 1890 dauerte. Die Entstehung chemischer, optischer und elektrotechnischer Fabriken sorgte ab ca. 1880 für neue Investitionsimpulse. Das Entstehen vor allem der elektrotechnischen Industrie geht auf Erfindungen Werner von Siemens zurück, so die des Gleichstromdynamos im Jahre 1866, die weitere Erfinder anregte.

In vorindustrieller Zeit war Meschede ein Schwerpunktstandort der westfälischen Tuchmacherei. Von dort strahlte diese auf den Bereich Eversberg aus. Dazu trugen die Nutzung der Wasserkraft und eine fortschreitende Mechanisierung der Produktion wesentlich bei. Wenn zunächst Wasserrad und Dampfmaschine dominierende Betriebskräfte waren, ging man um die Jahrhundertwende (Tuchfabrik Eickhoff 1897) zur Gleichstromerzeugung über. Aber die erzeugten Kapazitäten waren noch zu gering, um einen Maschinenpark antreiben zu können.

Im Jahre 1900 fand im Kreis Meschede die Elektrizität zum erstenmal öffentliche Anwendung und mit ihrem Siegeszug hatte die Petroleumlampe ausgedient.

Das erste öffentliche Elektrizitätswerk im Kreis Meschede wurde in Bestwig gebaut. Die Initiative zu diesem Bau ergriff der Freiherr Carl von Lüninck aus dem Hause Ostwig zu Ostwig. Am 19. April 1900 wurde die Konzession zum Bau und Betrieb eines Elektrizitätswerks Bestwig erteilt. Die Gemeinde Velmede erteilte die Genehmigung zum Bau dieser ersten Anlage einer Düsseldorfer Firma. Am 1. April 1901 nahm das Elektrizitätswerk mit einer Lokomobile, die einen Dynamo antrieb, den Probebetrieb auf.

Die ersten Fabrikbetriebe, die Anlagen zur Stromerzeugung errichteten waren die Firmen Eickhoff (Heinrichsthal) und H. Busch (Bestwig) und Lex (Meschede). Seine Entstehung verdankt das erste E-Werk der Absicht, die Wasserkraft der Valme für die Erzeugung elektrischer Energie auszunützen. Genau vorgenommene Messungen des Gefälles und der Wassermenge führten zur Anlage einer Turbine mit einer Leistung von 60 PS, die zum Antrieb einer Dynamomaschine von etwa 40 kW diente. Als Reserve für die Wasserkraftanlage wurde eine Lokomobile von 70 PS aufgestellt, die in wasserarmen Zeiten den Betrieb allein übernehmen sollte.

Während der Ausführung der Arbeiten geriet der Unternehmer jedoch in Konkurs. Die Gemeinde Velmede übernahm die Anlage auf eigene Rechnung. Sie wurde zu diesem Entschluss ermutigt, weil die Eisenbahnverwaltung sich verpflichtete, den Strom zur Beleuchtung des Bahnhofs Bestwig vom Valmekraftwerk zu beziehen.

Am 1. September 1902 war das Valmekraftwerk fertiggestellt. An diesem Tage nahm die öffentliche Stromversorgung im Kreis Meschede ihren Anfang. -

Die Bewohner von Velmede wurden vom Zauber des elektrischen Lichtes aber bereits am Weihnachtsfeste des Jahres 1901 überrascht. Als sie zur Christmette kamen, erstrahlten Kirche und Krippe im Glanze elektrischer Beleuchtung, die allerdings erst notdürftig angelegt war.

Der elektrische Strom war für viele Sauerländer anfangs aber nicht nur eine willkommene Verbesserung ihrer Lebensumstände, sondern erschien auch als ein sehr gefährliches Unternehmen, demgegenüber man sich zunächst heftig verschloss. Die geringen Anschlusszahlen sprechen da für sich. Die überwiegend positive Resonanz zeigte sich aber vor allem in der raschen Ausbreitung der Elektrifizierung. Der Kreis der Stromabnehmer wurde immer größer. Nuttlar und Ostwig schlossen sich an, so dass eine ständige Erweiterung der Kraftanlage erforderlich wurde. Während sich das Elektrizitätswerk Bestwig zunächst nur auf das Einzugsgebiet von Velmede und Bestwig erstreckte, strahlte es mit dem Hochspannungsleitungsbau zunehmend auf den ganzen Landkreis Meschede aus.

Später wurde es zum Inbegriff der Stromversorgung des Landkreises Meschede überhaupt. Inzwischen entstand auch im Süden des Kreises, in Gleidorf, ein Elektrizitätswerk. Wegen der beträchtlichen Entfernung der anzuschließenden Orte Schmallenberg, Grafschaft, Fleckenberg und Fredeburg, musste der bis 1902 gebräuchliche Gleichstrom ausscheiden und durch den hochgespannten Drehstrom ersetzt werden. Gleidorf war das erste Drehstromwerk im Kreise Meschede.

Elrktrizitätswerk unterhalb der Stadtmauer

Zur Produktion von Schuhleisten nutzte Julius Lex in Meschede bereits die Wasserkraft der Henne. Nach dem Neubau seiner Fabrik erzeugte er ab Oktober des Jahres 1895 mit Gleichstromdynamos den ersten Strom in Meschede und ließ in der "Unteren Fabrik" elektrisches Licht installieren. Dies war für die Stadt Meschede eine Pioniertat.

Auch der Mühlenbesitzer Geiecke legte im folgenden Jahr eine elektrische Anlage an. Er bot der Stadt Meschede an, die öffentliche Stromversorgung zu übernehmen. Als Reserve zur Wasserkraft sah er die Anschaffung einer Akkumulatorenbatterie und einer Lokomobile vor. Aufgrund dieser Offerte entschieden sich die Stadtverordneten Meschedes am 23.12.1896 - nur wenige Monate nach Inbetriebnahme des ersten öffentlichen Elektrizitätswerks in der Region des heutigen HSK in Neheim - einstimmig für die prinzipielle Errichtung einer solchen.

Begünstigend für diese Entscheidung war die Gründung der "Genossenschaft obere Ruhr" (ab 1927 Ruhrtalsperrenverein) im Jahre 1897 und der Bau der Hennetalsperre vor den Toren Meschedes, der in die Jahre 1901 bis 1905 fiel.

So führte die Stadtverordnetenversammlung am 5.7.1904 den Beschluss herbei, ein Elektrizitätswerk unterhalb der Sperrmauer der Hennetalsperre, unterhalb der Leistenfabrik Lex, zu errichten. Es kam am 16./21.7.1904 zum Abschluss eines Gesellschaftsvertrages zwischen dem Fabrikanten Julius Lex und der Stadt Meschede. Der Vertrag wurde auf 50 Jahre abgeschlossen. Geschäftsführer der "Elektrizitätswerk Meschede GmbH" wurde Julius Lex.

Das Elektrizitätswerk In der Stadt Meschede wurde noch im Jahre 1904 errichtet, und zwar unter Ausnutzung des Wassers der neuen Hennetalsperre.

So konnte die Mescheder Zeitung melden:

"Die Stadt sowie die Fa. J. Lex, die Besitzerin einer konstanten 50pferdigen Wasserkraft an der Hennetalsperre legen zu gleichen Teilen und Rechten das Elektrizitätswerk Meschede e.G.m.b.H. an, [...] so daß noch im Laufe des Winters die Stadt sich einer elektrischen Straßenbeleuchtung erfreuen wird."

Bereits am 9. Oktober 1904 konnte anlässlich der feierlichen Einweihung des Kriegerdenkmals der erste Strom für die Beleuchtung abgegeben werden. Das Elektrizitätswerk hatte ein Stammkapital von 130.000 M, je zur Hälfte aufgebracht von der Stadt Meschede (in bar) und der Fa. J. Lex (durch Stellung der Wasserkraft).

Das erste Elektrizitätswerk der Stadt, das "Elektrizitätswerk Meschede GmbH", entstand unterhalb der neuen Lex-Fabrik Es lieferte der Stadt erstmalig elektrischen Strom, und zwar Gleichstrom, erzeugt von zwei Wasserturbinen von je 120 kW. In den folgenden Monaten wurden die Installationen gelegt; um ein gutes Beispiel zu geben, rang sich die Stadtvertretung dazu durch, auch das Rathaus anschließen zu lassen.

Im Dezember konnte die Zeitung berichten: "Elektrischer Straßenbeleuchtung erfreut sich unsere Stadt seit gestern, der längsten Nacht des Jahres. Bogenlampen spenden uns Tageshelle bei finsterer Nacht, was allgemein freudig begrüßt wird."

Bereits im Juni 1905 warb der Wurstfabrikant J. Ransenberg mit dem elektrischen Antrieb seiner Arbeitsmaschinen.

Das Elektrizitätswerk Meschede nahm am 26. Januar 1906 seinen vollen Betrieb auf. Allerdings war Strom in seiner Anfangszeit außerordentlich teuer, etwa so teuer wie eine Arbeitsstunde. So entstand auch an der Hennetalsperre ein Kraftwerk, das die Laufkraft des Wassers in allmählich preiswerter werdende elektrische Energie umwandelte.

1908 schaffte das Elektrizitätswerk Meschede eine Wolfsche Dampflokomobile mit der Leistung von 110 kW (= 150 PS) an. Dazu stockte man das Stammkapital um 30.000 Mark auf, von dem die Stadt die Hälfte durch eine Anleihe aufbrachte. Diese Investition verbesserte die Leistungsfähigkeit des Kraftwerks erheblich, so dass die Elektrizitätsgesellschaft im Jahre 1909 einen Überschuss von 10.000 Mark erwirtschaftete.

1913 - ein Jahr bevor es zur Gründung eines Kreiselektrizitätswerks kam - bot Julius Lex seinen Gesellschaftsanteil für 150.000 Mark der Stadt Meschede an, die dies jedoch ablehnte. Bereits in den Wintermonaten des Jahres 1913/1914 war das Elektrizitätswerk so überlastet, dass eine grundlegende Modernisierung des Maschinenparks und des Leitungsnetzes unbedingt notwendig erschien. Für eine Vergrößerung des Werkes veranschlagte man ein Volumen von 100.000 bis 120.000 Mark. Gutachter kamen zu dem Schluss, dass bei einer so hohen Kapitalanlage eine Rentabilität für die Stadt Meschede allein nicht zu erzielen sei.

Aus diesem Grunde traten die Anteilseigner in Verhandlungen mit dem Kreis, um das Versorgungsgebiet auszudehnen. Einige Regionen des Landkreises Meschede wurden in den Folgejahren mit Zustimmung des Landrats von benachbarten Kreiselektrizitätswerken elektrifiziert. Andere Regionen, die nur einen geringen Stromverbrauch erwarten ließen, drohten jedoch, von der Versorgung - und damit von wirtschaftlicher Weiterentwicklung - gänzlich abgekoppelt zu werden.

Wappen derer von Mallinckrodt

Elektrizitätswerk Bestwig-Meschede GmbH

Erst 1914 gelang es Landrat von Mallinckrodt, die Stromversorgung im Kreis Meschede zu vereinheitlichen. Er erwarb nach langwierigen Verhandlungen sämtliche Geschäftsanteile der Elektrizitätswerke Bestwig GmbH und der Elektrizitätswerke Meschede GmbH. Das Kreiselektrizitätswerk Meschede führte nun den Namen "Elektrizitätswerk Bestwig-Meschede GmbH" und hatte seinen Sitz in Bestwig. Im Jahre 1915 stieg der Stromverbrauch infolge der kriegsbedingten Petroliumknappheit rapide an. 1916 schloss das Elektrizitätswerk mit der Tuchfabrik Eickhoff in Heinrichsthal ein Abkommen zur Einspeisung der überschüssigen Stromerzeugung ab.

Die rasch zunehmende Ausbreitung der Elektrizität in allen Teilen des Kreises ließ es ratsam erscheinen, die Stromerzeugung und Stromversorgung durch den Kreis einheitlich zu regeln. Dieses Bestreben hatte allmählich Erfolg, obwohl die durch den ersten Weltkrieg verursachten wirtschaftlichen Störungen ernste Schwierigkeiten bereiteten.

Die Anlage neuer Hochspannungsfreileitungen, der Ausbau der Ortsnetze sowie der Ausbau wertvoller Wasserkraftanlagen ermöglichten es, dass bis zum Jahre 1926 die Kreisbevölkerung zu 93 Prozent mit elektrischem Strom versorgt wurde. Die Stromerzeugung war von 40.000 kW Stunden im Jahre 1902/1903 auf über 6 Millionen kW-Stunden im Jahre 1925/1926 angestiegen.

Der Firmenname "Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen" [VEW] ist ein Hinweis auf den entscheidenden Zusammenschluss westfälischer Elektrizitätswerke, der 1923 in Dortmund seinen Ausgang nahm. Der Landkreis Meschede legte am 26. April 1928 sein gesamtes Gesellschaftskapital in Gesellschaftsanteile der VEW GmbH an. Dies belief sich für seine Elektrizitätswerksgesellschaften auf 1,25 Millionen Reichsmark.

Aber nicht die Talsperren des Sauerlandes versorgten in erster Linie die Gegend mit Stromenergie, sondern die Kohle des Industriegebietes war für lange Zeit die Kraftquelle der Elektrizität.